Die Geschichte der Strickwarenfabrik Gebrüder Frank ist ein beredtes Zeugnis deutscher Geschichte. Sechs Staatsformen, beinahe 150 Jahre Geschichte, Wirtschaftserfolge, Unrecht und Hoffnung.


 

Am Ende des 19. Jahrhunderts, in der Gründerzeit, war das Karree zwischen Berliner Straße, Wittenberger Straße, Bitterfelder Straße und Apelstraße ein erschlossenes, aber unbebautes Grundstück. Es war das am nächsten zu Stadt und Bahnhof gelegene Karree eines großen neuen Viertels der Stadt.

Bald sollte in diesem Teil von Leipzig das Goldene Zeitalter sächsicher Industriekultur beginnen. Auch auf dem Karree am Beginn der Berliner Straße nahm der Aufschwung seinen Lauf:

Der Kaufmann Karl Frank aus Halle an der Saale hatte sieben Kinder. Zwei seiner Söhne, Wilhelm und Selmar gründeten 1865 im preußischen Halle eine Fabrik für Strick- und Wirkwaren.


(Selmar Frank)

1875 zogen sie mit ihrem Unternehmen nach Leipzig ins Königreich Sachsen, das seit 1871 mit Preußen unter dem Dach des Deutschen Reiches vereinigt war.

Am 10.07.1875 wurde das Unternehmen ins Handelsregister des Amtsgerichtes Leipzig als Gebrüder Frank Strickwarenfabrik GmbH & Co. KG unter der Nummer HR A 3582 eingetragen.

Auf dem bis dahin weitgehend unbebauten Grundstück an der Berliner Straße wurde auf dem Flurstück 2739 eine einstöckige Fabrikanlage gebaut. Diese Halle ist auf dem Foto aus den 30er Jahren oben am rechten Bildrand gut zu erkennen. Sie fand ihren Abschluss an der Grundstücksabschlussmauer, die heute noch steht und das Grundstück zu den Gebäuden der Leipziger Verkehrsbetriebe auf dem Eckgrundstück Berliner Straße / Apelstraße hin abtrennt.

Bald kam ein Dampfmaschinenhaus - auch auf dem Foto gut zu erkennen am Schornstein - hinzu.

Schon um 1900 wurde gegenüber der Halle ein vierstöckiges Gebäude über die ganze Grundstückstiefe bis zur Straße hin gebaut, ergänzt um einen rund 2.000 qm großen Hofkeller. Auch dieses Gebäude ist auf dem Bild gut zu erkennen.

Die Söhne von Selmar und Wilhelm, Richard und Hermann übernahmen die Geschäftsführung und wurden persönlich haftende Gesellschafter. Der Sohn von Hermann und Hilde Frank lebt heute in den USA. Richard Franks Tochter Charlotte heiratete Berthold Levy. Auch deren Sohn lebt heute als emeritierter Professor in den USA.


(Richard Frank)

Die Straßenbahngesellschaft baute auf dem Nachbargrundstück eine Wagenhalle. Auf dem Grundstück auf der anderen Seite, an der Wittenberger Straße entstand eine Arzneifabrik. Erstere findet sich auf dem Bild nicht wieder - offenbar des besseren Blicks wegen. Eine Ecke der Arzneimittelfabrik ist jedoch zu sehen - diese steht heute noch als Ruine.

Nach der Inflation wurde 1924 - zwischenzeitlich erlebte das Unternehmen nach Preußen, sowie Sachsen/Reich, mit der Weimarer Republik die dritte Staatsform - der heute noch erhaltene Neubau der Fabrik als Abschluss des Areals geschaffen.

Bei der Gelegenheit wurde das vierstöckige Längsgebäude an der Straßenfront auf fünf Stockwerke aufgestockt, so dass eine einheitliche siebenachsige Straßenfassade mit einer Tordurchfahrt in der Mitte entstand.

So war beinahe der ganze Hof bebaut und die Fabrik florierte. Berthold Levy und Richard Frank, die dritte Generation waren nun persönlich haftende Gesellschafter und Geschäftsführer. Richards Mutter Hilde war Kommanditistin und lebte in einem schönen Haus in der Leipziger Brandvorwerkstraße.


(Berthold Levy)

Dann jedoch ernannte 1933 der Reichspräsident v. Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Dieser ließ die Länder gleichschalten. Der NSDAP Gauleiter von Sachsen, Martin Mutschmann, wurde Reichsstatthalter in Sachsen. Dieser betrieb seit 1907 in Plauen eine Spitzenfabrik, zu der später mehrere andere Textilfabriken kamen. Seit 1930 gab er schon die Parteizeitung "Der Freiheitskampf" heraus, worin immer wieder die Enteignung von Industriellen jüdischen Glaubens gefordert wurde. Die Strickwarenfabrik Gebrüder Frank und ihre Geschäftsführer Berthold Levy und Richard Frank waren ein Wettbewerber des NSDAP-Gauleiters und Reichsstatthalters in Sachsen, Martin Mutschmann.

1938 wurden gesellschaftsrechtliche Veränderungen erzwungen und das Vermögen der Eigentümer und des Unternehmens von Amts wegen durch die Gestapo analysiert. (Hier folgt in Bälde eine präzise Abfolge der Ereignisse.)

In diesem Zusammenhang wurde auch eine Handesregisterumschreibung vorgenommen.


Am 09. Januar 1940, Charlotte Levy war mit ihren Kindern bereits emigriert, Berthold starb 1939, wurde die Gesellschaft als erloschen eingetragen und die Profiteure der "Arisierung" nutzten die Fabrik und ihr Vermögen.

Doch schon ab 1943 erhielt das Gebäude mehrere Bombentreffer. Noch heute ist der fünfstöckige Erweiterungsbau an der Berliner Straße ein Mahnmal gegen den Bombenkrieg. Hier stehen seit dem Einschlag einer Luftmine Ende 1944 nur noch die Fassade und die Seitenwände. Die Trümmer der Restgebäude sollen viele der Arbeiterinnen und Arbeiter erschlagen haben.

Nach dem Kriege hob das Handelsregister des Amtsgerichtes Leipzig in der sowjetisch besetzten Zone die Löschung der Gesellschaft am 25.02.1946 auf. 

Am 10.05.1946 wurde die Firma aufgelöst und auf Richard Frank übertragen, der das Unternehmen als Personengesellschaft weiter führte.

Noch wenig Licht ist in die Umstände der Verdrängung von Richard Frank aus den Fabrikräumen gelangt.

Als gesichert gilt, dass seine Nachkommen gezwungen wurden, die Fabrik für so niedrige Mieten an die dort einquartierten Volkseigenen Betriebe, wie das VEB Herrenmoden Korrekt zu vermieten, dass deren deutscher Anwalt bei der Bezirksleitung schon in den 70er Jahren beklagte, die Mieten betrügen nicht einmal die Hälfte der Unterhaltungskosten.

Das Gelände verfiel immer mehr. Seit 1953 gab es zudem immer wieder Versuche, die Ruine an der Berliner Straße abzureißen. Doch mal war kein Bagger verfügbar, mal kein Kran, dann fehlten wieder andere Dinge.

Schließlich gab es nach 36 Jahren Planung einen Abrisstermin - im Dezember 1989.

Nachdem die Mauer gefallen war, fühlte sich zunächst niemand zuständig. 1993 kaufte ein Bauträger das Areal und alle Ruinen wurden abgerissen, bis auf jene an der Berliner Straße.

Während die intakte Strickfabrik zu einem modernen Bürohaus umgebaut wurde, sollte auf deren Dach ein Penthouse entstehen und in der Ruine ein Studentenheim, zudem auf dem Hof eine Einkaufspassage.

Doch schon 1999 ging es dem Eigentümerunternehmen nicht mehr so gut - die Liegenschaft kam in die Zwangsverwalter.

Viele seriöse Mieter zogen aus, viele zweifelhafte zogen ein. Zahlreiche illegale Mieter, die immer neue Räume aufbrachen und besetzten, andere mit Ein-Euro-Mietverträgen, die ihre Miete nicht zahlten - das Gebäude verfiel zusehends.

Dann kaufte es im April 2009 ein Familienunternehmen aus Leipzig, die Pragmatic Equity AG mit ihrer Tochter, der Pragmatic Equity Nr. 7 GmbH & Co. KG. Das Unternehmen setzt seitdem konsequent die Linie der Eigentümer um: Restauration und Reinvestition vor Rendite.

Die Liegenschaft wurde einmal komplett durchsaniert, nun entsteht hier ein Zentrum für die Kreativwirtschaft. Autoren, Steuerberater, PR/Werbeunternehmen, Personal Trainer, Verlage, Tonstudio; Probenräume und viele mehr ziehen nach und nach ein und beleben die Alte Strickfabrik. Neuester Betreiber ist ein Co-Working Space mit Büro-, Gemeinschafts- und Ausstellungsflächen.

Dabei handelt es sich ebenso um etablierte Unternehmen, wie auch um start-ups v Im ehemaligen Privatkontor der Strickwarenfabrik Gebrüder Frank sitzt nun ein Pressebüro mit seiner Leipziger Niederlassung. Der dort beschäftigte Autor ist Historiker und erhielt von den Eigentümern den Auftrag, die Geschichte der Strickfabrik zu rekonstruieren und ab Ende 2010 eine Ausstellung im Foyer des Kontors daraus zu entwickeln.

Im Sommer 2010 soll endgültig die Ruine neben der Strickfabrik abgerissen werden. Schon jetzt gibt es eine attraktive gartenarchitektonische Planung für die Neugestaltung des Hofes. Hier soll nicht nur hinreichend Parkfläche vorhanden sein, sondern auch eine grüne Oase in der Nähe des Hauptbahnhofes. 

Die Alte Strickwarenfabrik lebt wieder!

Im Februar 2017 hat die Pragmatic-Gruppe die Alte Strickwarenfabrik mit Wehmut verkauft und wünscht den neuen Eigentümern, die weiter an Ausbau und Verschönerung arbeiten werden, viel Erfolg und Segen.